Projektprüfung & Methodik
Welche Annahmen sind für die Projektprüfung belastbar – und welche nicht?
Quellenfeste Werte, dokumentierte Bandbreiten und Größen, die gar keine Eingaben sind: eine Systematik, welche Annahmen eine PV-Projektprüfung trägt – und welche sie angreifbar machen.
Reduzierte Providom-Prozessgrafik mit den wichtigsten Prüfschritten dieses Beitrags – von Eingangsdaten und Modellierung bis zu Variantenvergleich und Entscheidung.
Das Wichtigste in Kürze
Die wichtigsten Punkte für die Projektentscheidung.
- Belastbar ist eine Annahme, wenn sie aus einer öffentlichen Quelle stammt oder als dokumentierte Bandbreite mit Stand ausgewiesen ist.
- Standortertrag, EEG-Sätze und Marktwerte sind quellenfest; Investitionskosten und Strompreisentwicklung nur als Bandbreite seriös.
- Die Eigenverbrauchsquote ist keine Eingabe, sondern ein Ergebnis aus Lastprofil und Anlagengröße.
- Sensitivitäten auf zwei bis drei Treiber ersetzen die Scheingenauigkeit einzelner Punktwerte.
Kapitel 01
Was „belastbar“ in der Projektprüfung heißt
Eine Projektprüfung wird nicht dadurch belastbar, dass jede Zahl exakt ist – das kann sie vor Angebot und Detailplanung gar nicht leisten. Belastbar heißt: Jede Annahme hat entweder eine zitierfähige öffentliche Quelle oder ist als bewusst gewählte Bandbreite mit ausgewiesenem Stand dokumentiert.
Der Unterschied zeigt sich bei der ersten kritischen Nachfrage. „Woher kommt der Ertragswert?“ lässt sich mit PVGIS beantworten; „Woher kommt die Eigenverbrauchsquote von 60 %?“ dagegen nicht, wenn sie schlicht gesetzt wurde. Die folgende Systematik trennt die Annahmen einer Gewerbe-PV-Rechnung in drei Klassen.
Kapitel 02
Klasse 1: quellenfeste Annahmen
Standortertrag, Vergütungslogik und Marktwerte sind die stabilsten Elemente der Rechnung. Stündliche Einstrahlungs- und Ertragsprofile liefert PVGIS des EU Joint Research Centre; die EEG-Sätze je Inbetriebnahme-Halbjahr veröffentlicht die Bundesnetzagentur; monatliche Solarmarktwerte stehen auf netztransparenz.de.
Diese Werte gehören unverändert in die Rechnung – mit Quellenangabe und Datenstand. Wer hier eigene „Erfahrungswerte“ einsetzt, verschenkt die stärkste Verteidigungslinie der Projektprüfung ohne Not.
Reduzierte Providom-Infografik, die die zentralen Größen dieses Kapitels, ihre Beziehungen und den daraus folgenden Entscheidungspunkt verständlich zusammenfasst.
Kapitel 03
Klasse 2: Bandbreiten-Annahmen
Investitionskosten, Betriebskosten und die künftige Strompreisentwicklung haben keine amtliche Quelle – sie streuen nach Objekt, Marktphase und Region. Seriös sind sie nur als Bandbreite mit ausgewiesenem Stand, nicht als Punktwert mit zwei Nachkommastellen.
Praktisch heißt das: eine konservative und eine erwartbare Variante rechnen, statt einen Mittelwert zu behaupten. Trägt das Projekt schon am konservativen Rand der Bandbreite, ist die Entscheidung belastbar – trägt es nur am optimistischen, gehört genau das ins Ergebnisprotokoll.
| Annahme | Klasse | Empfehlung für die Projektprüfung |
|---|---|---|
| Ertragsprofil (Standort) | quellenfest | PVGIS-Stundenprofil, Quelle und Abrufdatum ausweisen |
| EEG-Satz / anzulegender Wert | quellenfest | BNetzA-Satz des geplanten Inbetriebnahme-Halbjahres |
| Solarmarktwert | quellenfest | Historie von netztransparenz.de, kein eigener Forecast |
| Investitionskosten | Bandbreite | Größenklassen-Bandbreite mit Stand, konservativ rechnen |
| Strompreisentwicklung | Bandbreite | 0–3 % p. a. als Szenarien, nicht als Versprechen |
| Eigenverbrauchsquote | Ergebnisgröße | aus Lastprofil und Anlagengröße rechnen, nie setzen |
Kapitel 04
Klasse 3: Ergebnisgrößen, die keine Eingaben sind
Der häufigste Methodenfehler ist, Ergebnisgrößen als Eingaben zu behandeln. Eigenverbrauchsquote und Autarkiegrad entstehen aus dem stündlichen Abgleich von Erzeugung und Last – sie hängen an Lastprofil, Anlagengröße und gegebenenfalls Speicher.
Wer die Quote direkt setzt, macht das Ergebnis unfalsifizierbar: Es lässt sich weder begründen noch überprüfen. Dieselbe Logik gilt für Speicher-Erlöse – sie folgen aus der Simulation von Lade- und Entladeverhalten, nicht aus einer Pauschale je Kilowattstunde Kapazität.
Kapitel 05
Was in der Projektprüfung nichts verloren hat
Manche Detailtiefe gaukelt Genauigkeit vor, die die Datenlage nicht hergibt: Verschattungssimulationen ohne Standortaufnahme, Strompreis-Prognosen mit Nachkommastellen über 20 Jahre, modulgenaue Auslegung vor der ersten Begehung.
Diese Punkte gehören in die Detailplanung – und die Projektprüfung gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn sie diese Grenze aktiv benennt, statt sie zu verwischen.
Reduzierte Providom-Infografik, die die zentralen Größen dieses Kapitels, ihre Beziehungen und den daraus folgenden Entscheidungspunkt verständlich zusammenfasst.
Kapitel 06
Annahmen dokumentieren und verteidigen
Am Ende zählt die Nachvollziehbarkeit: jede Annahme mit Quelle oder Bandbreite, jeder Datenstand mit Datum, jede kritische Stellschraube mit Sensitivität. Kapitalwert und IRR sind dann keine Behauptungen, sondern die Konsequenz dokumentierter Eingaben.
Diese Disziplin zahlt doppelt: Sie beschleunigt interne Freigaben, weil Rückfragen vorab beantwortet sind – und sie schützt im Kundengespräch, wenn ein Wettbewerber mit optimistischeren Zahlen auftritt.
Im Projekt anwenden
Mit dokumentierten Annahmen rechnen
Im Rechner ist jede Annahme einsehbar und überschreibbar – von der PVGIS-Ertragsbasis bis zur Strompreissteigerung. So entsteht eine Projektprüfung, die einer Nachfrage von Kunde, Bank oder Geschäftsführung standhält.
Rechner öffnenFAQ
Häufige Fragen
Wie viele Annahmen muss ich wirklich dokumentieren?
Die entscheidenden sind überschaubar: Ertragsbasis, Vergütungssatz, Arbeitspreis, Investitions- und Betriebskosten, Lastprofil und Strompreisentwicklung. Wer diese sieben mit Quelle oder Bandbreite belegt, deckt den Kern jeder Nachfrage ab.
Darf ich Erfahrungswerte aus früheren Projekten verwenden?
Ja – als Bandbreiten-Annahme mit Kennzeichnung, nicht als Ersatz für quellenfeste Werte. Eigene Kostenerfahrung ist oft besser als generische Studien; sie sollte aber als „eigene Projekterfahrung, Stand …“ ausgewiesen sein.
Was mache ich, wenn der Kunde eine höhere Eigenverbrauchsquote erwartet?
Die Quote nicht anpassen, sondern ihre Treiber zeigen: Lastprofil, Anlagengröße, gegebenenfalls Speicher. Wenn der Kunde höhere Tageslast plausibel macht – etwa neue Maschinen oder E-Flotte –, ändert sich die Eingabe und die Quote folgt nachvollziehbar.
Reicht eine einzige konservative Rechnung statt Sensitivitäten?
Eine konservative Variante ist besser als ein optimistischer Punktwert, ersetzt aber keine Sensitivität. Erst die Spanne über Strompreis, Kosten und Eigenverbrauch zeigt, welche Stellschraube das Ergebnis dominiert – und wo sich weitere Klärung vor dem Angebot lohnt.
Quellen und Stand
Zuletzt aktualisiert: Juli 2026. Die Angaben dienen der belastbaren Projektprüfung und sind keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung.
